Kieler S.V. Holstein von 1900Leon Fenske
Holstein Kiel-Beitrag

Leon und der Fußball

Wenn wir von Leon erzählen, dann dauert es meistens nicht lange, bis wir beim Fußball landen. Fußball gehörte schon früh zu seinem Leben und später ganz besonders Holstein Kiel. Es war eine Leidenschaft, die ihn über viele Jahre begleitet hat und die irgendwann auch ein Teil unserer ganzen Familie geworden ist.

Angefangen hat das schon in seiner Kindheit. Vor allem sein Opa und sein Onkel nahmen Leon mit zum Fußball. Damit haben sie etwas in ihm geweckt, das ihn nie wieder loslassen sollte. Damals konnte natürlich noch niemand wissen, welchen Stellenwert Fußball einmal in seinem Leben haben würde.

Als wir 2009 von Hamburg nach Schleswig Holstein zogen, wurde die Verbindung zu Holstein Kiel immer stärker. Leon war damals zwölf Jahre alt. Aus Interesse wurde mit der Zeit echte Begeisterung und aus dieser Begeisterung wurde irgendwann eine Leidenschaft, die weit über die neunzig Minuten eines Fußballspiels hinausging.

2012 fand Leon Anschluss an die aktive Fanszene und zu Supside Kiel. Ab diesem Zeitpunkt war endgültig klar, dass Leon nicht einfach nur ins Stadion gehen wollte, um Fußball zu schauen.

Er wollte dazugehören.

Die Kurve, die Menschen, die Choreografien, die Auswärtsfahrten und das ganze Drumherum gehörten für ihn genauso dazu wie das Spiel selbst.

Wir erinnern uns heute noch gut daran, wie Leon immer wieder nach fünf Euro fragte. Mal wurden Materialien gebraucht, mal war irgendeine Aktion geplant und eigentlich wusste man irgendwann schon, wo ein großer Teil seines Taschengeldes landen würde.

Bei Holstein.

Heute müssen wir darüber schmunzeln. Für Leon war das damals aber vollkommen selbstverständlich. Wenn ihm etwas wichtig war, dann war er mit ganzem Herzen dabei.

Und Leon behielt diese Begeisterung nicht für sich.

Seinen jüngeren Bruder Justin nahm er mit und so wuchs auch Justin ein Stück weit mit Holstein und der Fanszene auf. Die beiden haben dadurch viele gemeinsame Erinnerungen gesammelt, die heute noch einmal eine ganz andere Bedeutung haben.

Über die Jahre wurde Holstein für Leon zu einem festen Bestandteil seines Lebens. Er war bei unzähligen Heimspielen, fuhr auswärts und erlebte mit dem Verein Höhen und Tiefen. Wenn wir heute darüber sprechen, sagen wir manchmal, dass Leon wahrscheinlich gefühlt jedes Stadion in Deutschland gesehen haben muss.

Die Gruppen und Menschen in der Fanszene veränderten sich über die Jahre. Nach der Auflösung von Supside blieb Leon der Kieler Fanszene trotzdem eng verbunden. Viele seiner Freundschaften und Wegbegleiter kamen aus genau dieser Zeit und aus dieser gemeinsamen Leidenschaft.

Leon hat mit Holstein eine Entwicklung erlebt, die wahrscheinlich kaum jemand erwartet hätte, als diese Geschichte für ihn begann.

Von der Regionalliga ging es in die 3. Liga, später in die 2. Bundesliga und irgendwann tatsächlich bis in die Bundesliga.

Und mitten in dieser Geschichte gibt es einen Monat, den wir heute ganz besonders mit Leon verbinden.

Den Mai 2017.

Am 17. Mai wurde Leni geboren. Leon war damit nicht mehr nur der große Bruder von Justin und Amy, sondern bekam noch eine kleine Schwester dazu.

Und ausgerechnet in diesem Monat stieg Holstein Kiel in die 2. Bundesliga auf.

Für Leon kamen damit zwei Dinge zusammen, die ihm unglaublich viel bedeuteten. Seine Familie und sein Verein.

Nur wenige Monate später entstand eine dieser kleinen Erinnerungen, von denen man damals überhaupt nicht ahnt, wie wertvoll sie irgendwann einmal sein wird.

Leni war ungefähr drei Monate alt und lag bei ihrem großen Bruder Leon auf dem Bauch. Natürlich lief Holstein.

Sie lag dort ganz ruhig und schaute gemeinsam mit ihm auf das Spiel.

Wenn wir heute daran zurückdenken, fühlt es sich fast so an, als hätte Leon ihr seine Leidenschaft damals einfach mitgegeben.

Denn auch Leni ist mit Holstein groß geworden.

Und so wurde aus etwas, das einmal Leons große Leidenschaft gewesen war, mit der Zeit immer mehr eine Leidenschaft unserer ganzen Familie.

Wenn Holstein spielte, wurde Holstein geschaut.

Das galt auch dann, wenn wir unterwegs waren.

Selbst im Urlaub konnte man sich eigentlich sicher sein, dass irgendwo das Spiel lief. Wenn es sein musste, eben hinten im Auto auf dem Tablet.

Das gehörte einfach zu Leon.

Auch als 2024 mit seiner Erkrankung plötzlich alles anders wurde, blieb diese Verbindung.

Leon konnte irgendwann nicht mehr so, wie er wollte. Die Auswärtsfahrten wurden zu anstrengend. Lange im Stadion zu stehen ging nicht mehr. Sein Körper setzte ihm immer mehr Grenzen.

Aber seine Leidenschaft konnte ihm die Krankheit nicht nehmen.

Wir erinnern uns zum Beispiel noch daran, wie wir während eines Krankenhausaufenthaltes gemeinsam Holstein gegen den HSV geschaut haben. Holstein gewann und für diesen Moment war da nicht nur Krankenhaus, Krankheit und Sorge.

Da war einfach wieder Fußball.

Da war Holstein.

Und da war Leon, der mitfiebern und sich freuen konnte.

Einer der wohl größten Momente seiner ganzen Zeit als Holstein Fan kam ebenfalls 2024.

Holstein konnte tatsächlich in die Bundesliga aufsteigen.

Leon war erst kurze Zeit vorher aus dem Krankenhaus gekommen und körperlich bereits deutlich geschwächt. Eigentlich wäre es vernünftig gewesen, zu Hause zu bleiben.

Aber bei Leon war ziemlich schnell klar, dass das keine wirkliche Option war.

Diesen Moment musste er erleben.

Nach all den Jahren, nach Regionalliga, 3. Liga, 2. Bundesliga, all den Spielen und all den Auswärtsfahrten wollte er dabei sein, wenn Holstein tatsächlich den Sprung in die Bundesliga schafft.

Also waren wir gemeinsam am Stadion.

Dass Leon diesen Moment noch erleben durfte, bedeutet uns heute unglaublich viel.

Seine Verbindung zu Holstein blieb bis zum Schluss.

Am Freitag, den 14. August 2026, war Leon noch einmal im Holstein Stadion. Es war das Spiel gegen St. Pauli und gesundheitlich war inzwischen kaum noch etwas möglich.

Gemeinsam mit seiner Mutter saß er auf dem Rollstuhlplatz.

An diesem Abend war Leon sehr emotional. Er nahm die Atmosphäre noch einmal ganz bewusst wahr und schaute immer wieder hinüber zu der Tribüne, auf der er über so viele Jahre gestanden hatte.

Dorthin, wo er gesungen, gefeiert, gelitten und mitgefiebert hatte.

Nicole erinnert sich bis heute an diesen Blick.

Für sie fühlte es sich in diesem Moment so an, als würde Leon sich von seiner Tribüne verabschieden.

Eine Woche später ist Leon gestorben.

Wenn wir heute Holstein schauen oder ins Stadion gehen, ist deshalb vieles anders.

Aber diese Geschichte endet für uns nicht mit Leons Tod.

Denn er hat etwas hinterlassen.

Bei Justin.

Bei Leni.

Bei uns als Familie.

Bei seinen Freunden.

Und bei vielen Menschen aus der Fanszene, mit denen er all diese Jahre geteilt hat.

Durch Leon wurde Holstein ein Teil unserer Familie.

Und wenn wir heute im Stadion stehen, die Farben tragen und gemeinsam ein Spiel schauen, dann ist da immer auch ein Stück von ihm.

Vielleicht ist genau das eine der schönsten Spuren, die Leon hinterlassen hat.

Was einmal seine Leidenschaft war, lebt heute in den Menschen weiter, die er damit angesteckt hat.

Und irgendwie ist Leon dadurch bei jedem Spiel ein kleines bisschen mit dabei.